Niemand darf verloren gehen – ein Bericht aus dem YMCA in Äthiopien

Die diesjährige Weltbundgebetswoche durfte ich gemeinsam mit Delegierten des Evangelischen Jugendwerks in Württemberg (EJW) in Äthiopien erleben.

Das Thema „Leaving no one behind – Niemand darf verloren gehen“ bekam dort für mich eine besondere Bedeutung. Konfrontiert mit den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen in einem der ärmsten Länder der Welt wurde mir neu bewusst, wie relevant unsere Arbeit im CVJM weltweit ist – in Wort und Tat.

Bei einem Besuch im YMCA Adwa treffen wir Samuel. Er ist einer der „Beneficiaries“ (Leitungsempfänger), die der YMCA auf Empfehlung der Stadtverwaltung  im Rahmen des YMCA-Programms für Straßen- und Waisenkinder ausgewählt hat.

Samuel lebt in einer einfachen Hütte in einem der Armenviertel von Adwa gemeinsam mit seiner Großmutter, die sich nach dem Tod seiner Mutter – die vor fünf Jahren an Aids verstorben ist – so gut sie kann um ihren Enkel kümmert. Sein Vater lebt zwar noch, aber kümmert sich nicht. Er hat inzwischen eine andere Familie gegründet.

Weil die Großmutter sehr schwach und krank ist, sind zwei Cousinen von Samuel vom Land in die Stadt zu Besuch gekommen. Sie sitzen an der Bettkante, als wir die Hütte betreten. Die Großmutter liegt krank und deutlich geschwächt in dem einfachen Bett an der Wand und richtet sich auf: „Ich bin so froh, euch zu sehen,“ sagt sie auf amharisch.

Der 15-jährige Samuel wirkt deutlich jünger und ist sehr schüchtern. Erst als wir über Fußball ins Gespräch kommen, taut er etwas auf. Die Fußball-WM hat er natürlich verfolgt und, ja klar, kennt und liebt er Philipp Lahm, Thomas Müller und Mesut Özil!

Die Unterstützung durch den YMCA ermöglicht es Samuel, trotz seiner schwierigen familiären Situation und Armut in die Schule zu gehen. In der Queen Saba Schule ist er seit diesem Schuljahr in eine Berufliche Ausbilung eingeschrieben (Vocational Training). Samstags geht er in den YMCA, wo er seine drei besten Freunde trifft und – natürlich! – Fußball spielt.

Im Anschluss laufen wir ca. 15 Minuten gemeinsam mit dem verantwortlichen YMCA-Sozialarbeiter Nagassi weiter durch die Straßen in Adwa. Von „Opa Kasai“ werden wir schon erwartet.

Durch einen Hinterhof erreichen wir sein Haus – ein einfacher Raum, spärlich eingerichtet, ein einfaches Wellblechdach. Der blinde alte Mann, der seinen Enkel Hoftum und dessen jüngeren Bruder nach dem Tod der Eltern bei sich aufgenommen hat, strahlt trotz der widrigen Umstände eine unglaubliche Heiterkeit aus. Er begrüßt uns stehend und hält eine Begrüßungsrede. Unter anderen Umständen wäre vielleicht ein Staatsmann aus ihm geworden.

Hoftum erzählt uns, welche Auswirkungen die Unterstützung des YMCAs auf sein Leben hat. Fritz Leng kennt Hoftum schon seit vier Jahren. Seitdem sie sich zum ersten Mal begegnet sind, ist Hoftum gewachsen. Ein junger Mann ist aus ihm geworden.

Als Gäste nehmen wir auf dem einzigen Bett im Raum Platz. Über dem Bett hängt der aktuelle Stundenplan für das Jahr 2009 (Ehtiopian Calender!). Hoftum geht auf das Don Bosco Technical College in Adwa und studiert dort Mechanical Engineering.

Wie sein Opa freut er sich sichtlich über den Besuch aus Deutschland. „I only worry about the children, not about me. My time has passed,“ sagt Opa Kasai. „Möge Gott uns helfen.“

Der HIV-infizierte siebenjährige Nahum sprüht vor Energie. Sein Freund Hoftum ist auch mitgekommen. Die beiden sind Freunde und treffen sich immer samstags im YMCA.

Der HIV-infizierte siebenjährige Nahum sprüht vor Energie. Sein Freund Hoftum ist auch mitgekommen. Die beiden sind Freunde und treffen sich immer samstags im YMCA

Mit dem Motorradtaxi geht es gemeinsam mit Hoftum weiter zu Nahum und seiner Großmutter. Die Kleidung von beiden ist zerrissen, die große Armut ist auch in dem kleinen Zimmer, in dem sie leben, greifbar.

Nahums Mutter ist, als er sieben Monate alt war, an Aids gestorben. Seitdem kümmert sich die Oma um den 7-jährigen Wirbelwind. Hoftum und Nahum sind Freunde. Sie kennen sich aus dem YMCA, wo sie sich immer samstags treffen. Sie lieben die biblischen Geschichten, das Frühstück und den Fußball. Hoftum singt auch gern und Nahum mag besonders die YMCA-Bücherei.

„Wenn ich groß bin, möchte ich Arzt werden,“ sagt er uns. In dem Gesrpäch wird schnell deutlich, warum: Nahum ist HIV-positiv und muss täglich morgens und abends mehrere Tabletten schlucken. Als er vier Jahre alt war, wurde die Diagnose beim dritten Test gestellt. Die Oma zeigt uns die Pillen – nach all den Jahren ist sie sichtlich bewegt. „I care for him – ich kümmere mich um ihn,“ sagt sie.

Wie gut, denke ich auf dem Weg nach draußen, dass es Menschen im YMCA in Adwa gibt, die sie dabei unterstützen.

Damit Jungen und Mädchen wie Samuel, Hoftum und Nahum nicht verloren gehen, engagiert sich der YMCA in Äthiopien für Straßen- und Waisenkinder in Pflegefamilien und gibt damit Kindern eine Zukunftschance.

Mit einer geringen monatlichen Unterstützung können Kinder in schwierigen Lebensumständen zuhause bei Verwandten oder in Pflegefamilien leben. Der YMCA finanziert zusätzlich Kleidung und Schulmaterialien und bietet in seinen Jugendzentren eine behütete Umgebung und gute Betreuung für die Kinder. Auf diese Weise werden derzeit mithilfe des deutschen CVJM 300 Straßen- und Waisenkinder in Äthiopien unterstützt und begleitet.

Mehr Informationen über die Partnerschaftsarbeit des EJW mit dem YMCA Ethiopia ist unter www.ejw-weltdienst.de abrufbar. Spenden für die Arbeit des YMCA Ethiopia mit Kindern und Jugendlichen in Pflegefamilien sind auch hier über Aktion Hoffungszeichen möglich.

Tabea Kölbel, Bereichsleiterin CVJM weltweit

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