“Bonds of Peace” – das erste internationale Zeltlager in Waging

Warum Friede nicht nur die Abwesenheit von Krieg ist

„Kabul – Meine Stadt, mein Bezirk, mein Viertel, meine Gegend, meine Straße, mein Zuhause, mein Block!“ Aufgeregt sitzen die Jugendlichen rechts von mir und tippen mich an: „Das da ist meine Stadt in meiner Heimat!“.

Die Teilnehmenden des Y-Camps Bild: Michael Götz

Die Teilnehmenden des Y-Camps
Bild: Michael Götz

Zu jedem Bild, das die Powerpoint daraufhin zeigt, wissen sie etwas zu erzählen – über Bauwerke, von landestypischem Essen und dass Frauen früher keine Kopftücher tragen mussten: „Das war nur in islamischen Staaten so“. Ganz enthusiastisch werden sie, wenn sie an das Tanzen später denken …

Freunde aus Ägypten. Freunde aus Syrien. Freunde aus Afghanistan. Sie alle erzählen etwas aus der Heimat und alle hören aufmerksam zu. Sie klatschen begeistert Beifall über das Theater und den absichtlichen Tausch von Frauen- und Männerrollen. Vielleicht auch ein bisschen wegen der Möglichkeit das zu tun, was in ihren Heimatländern problematisch wäre. Es gibt fantastisches Essen und Tanz. Lebendig, leidenschaftlich, echt. Was für ein heiliger Abend, ein heiliger Ort, an dem die Unterschiedlichkeit mit jeder Faser zelebriert wird! Gemeinsam mit Menschen, die sich vermutlich nie begegnen würden.

Wo hat man das? Wo gibt es so etwas?

Mitten im Nichts. Mitten in Oberbayern an dessen wärmsten See. So weit weg und doch dem Himmel so nah, wenn Christen, Muslime und Atheisten in Frieden zusammenkommen.

Ich weiß, das bisher Geschriebene mag etwas kitschig klingen. Doch der Wahrheitsgehalt des Freizeitthemas „Bonds of Peace“ / “Bänder des Friedens“ war mit jedem Tag überall mehr zu sehen. So einfach. So normal. Selbstverständlich gelebte Inklusion ohne je eine Theorie groß in den Mund genommen oder eine wissenschaftliche Ausarbeitung darüber formuliert zu haben, ganz einfach in dem Satz „Do you want to play football with me?“.

Der Krieg in Syrien oder Afghanistan, die Folterungen in Nigeria oder Eritrea sind bei der Danceparty am Abend so weit entfernt, wie rechtspopulistische Vorurteile – und alles ist gut.

Der CVJM Bayern hatte Mitte August zum Y-Camp gerufen und 160 Personen aus insgesamt 18 Nationen sind dieser Einladung gefolgt: Deutschland, Österreich, Rumänien, Bulgarien, Russland, Albanien, Syrien, Afghanistan, Pakistan, Iran, Eritrea, Somalia, Nigeria, Äthiopien, Ägypten, China, Hongkong und Chile.

Genächtigt wurde in Zelten mit zufällig zusammengemischten Leuten, bei denen man erst herausfinden musste, in welcher Sprache man mit ihnen kommunizieren sollte. Die täglichen Ansagen waren immer in Deutsch und Englisch und ab und zu auch in Spanisch (für die chilenischen Freunde). Dies kostete manchmal Geduld, aber so ist das mit dem Frieden: er ist ein geduldvoller Prozess.

Da Frieden als großes Ziel nie einseitig erwirkt werden kann, braucht man sein Gegenüber als Tandempartner und als Reflexionsfläche. Wenn dieser Tandempartner aus einem anderen Land kommt, eine andere Sprache spricht und eine andere Religion hat, kann das unter Umständen schwierig werden. Die Reflexionsfläche wird trübe – durch Vorurteile, Berührungsängste und falsche Interpretationen.

Hierbei hat sich Kommunikation als hilfreiches Mittel erwiesen. Nicht nur Herr Watzlawick wusste, dass zwischenmenschliche Probleme häufig durch gute Kommunikation aus der Welt geschafft werden können, sondern auch allen Teilnehmenden beim Y-Camp war das klar.

So erzählt Mario aus Ägypten folgendes: „Ich hab in diesem Camp Frieden erlebt, als wir einander verstanden haben. Am Anfang waren da so viele verschiedene Sprachen und so viele Leute haben sich nicht verstanden. Aber sobald man einen Weg gefunden hat, einander zu verstehen oder mit anderen zu kommunizieren, kann man Frieden mit ihnen haben. Du kannst sie lieben und sie lieben dich zurück. Und das ist es ja, worum es bei Frieden geht.“

Auch die beiden Chilenen Benja und José haben auf dem Camp Bänder des Friedens erlebt. So erzählt Benja: „Wir hatten ja die Schwierigkeit, dass wir weder Englisch noch Deutsch konnten und davor hatten wir auch bisschen Angst. Aber letztendlich ist es das wichtigste miteinander zu kommunizieren. Und das kann man auch, indem man seinen Körper benutzt und einfach Freundlichkeit zeigt.“

José ergänzt dazu: „Für mich war das Wichtigste an diesem Camp, dass man Nationen in Frieden zusammenbringt, auch wenn man deren Sprache nicht kann.“

Alan aus Hongkong heißt eigentlich ganz anders, aber für Europäer ist es so wahnsinnig schwer seinen Namen richtig auszusprechen. Er ist Lehrer im YMCA Collage in Hongkong und ist mit einer Gruppe Studierender auf das Camp gekommen.

Er stellt fest, dass „jeder Mensch auf der Suche nach Frieden ist. Und jeder Mensch hat kulturell und individuell bedingt eine andere Art und Weise, wie Frieden hergestellt werden kann. Bei diesem Camp wird versucht eine gemeinsame Grundlage zu finden und diesen Frieden miteinander zu teilen. Wenn ein Mensch, egal welcher Herkunft oder welchen Beruf er ausübt, dann in sein Heimatland zurückkehrt, wird er vielleicht von den verschiedenen Ideen Frieden zu leben inspiriert worden sein und sie weitertragen.“

Alizade, ein Flüchtlingsjunge aus Afghanistan, antwortet auf die Frage „Wie hast du hier Frieden erlebt und was hat dir hier gefallen?“ mit den Worten: „Ich liebe es, dass hier so viele verschiedene Menschen aus verschiedenen Ländern sind. Freunde in meiner Familygroup sprechen mit Gott und jeder, egal aus welchem Land, spricht auch mit mir. Und ich liebe die Spiele hier und dass jeder mit jedem spielt.“

Thirza, eine Deutsche, ist begeistert davon, dass alle versucht haben, miteinander zu kommunizieren, auch wenn man keinen Konsens in der Sprache finden konnte. So erzählt sie von Erlebnissen, die sie hatte:

„Wir sind zusammen Boot gefahren, obwohl wir nicht miteinander reden konnten. Und wir haben gemeinsam Spiele gespielt, obwohl wir uns nicht verständigen konnten. Aber wir haben es zusammen gemacht und wir haben es irgendwie hinbekommen. Oder dass man sich gegenseitig hilft und aufeinander schaut, auch wenn man sich eigentlich gar nicht kennt und jemand eine andere Religion hat oder so. UND, dass wir hier zusammen abgedanced sind. Zu verschiedener Musik aus verschiedenen Ländern, alle zusammen. Das war hammergeil.“

Bei allen Statements kristallisiert sich als Hauptthema – wie oben schon genannt – Kommunikation heraus. Doch dabei agiert nicht die Sprache an sich als Schlüssel für eine gelungene Kommunikation, sondern eine offene Haltung, der Wille den anderen ganzheitlich verstehen zu wollen und ein Vertrauensvorschuss, dass der andere ebenso einen friedvollen Umgang als Ziel hat.

Die Herstellung des Friedens ist ein ambitioniertes Ziel, das viel Kraft, teilweise Überwindung und vielleicht auch Tränen kosten kann. Und noch dazu ist es kein Ziel, welches man in voller Gänze erreichen kann, sondern vielmehr eine Richtung hin zu einer herrlichen Utopie.

Warum sollte man sich also die Mühe machen, wenn man es doch so viel einfacher haben könnte?

Jesus selbst ist uns, wie häufig, diesbezüglich das beste Vorbild. In seiner wohl berühmtesten Rede, der Bergpredigt, erklärt er eine Reihe von Akteuren als „makarios“, also als „selig“ oder „glücklich“. Unter anderem hebt er als siebte sogenannte Seligpreisung folgendes hervor: „Selig sind die, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Mt. 5,9; Luther 1984).

Da Jesu Reich ein Friedensreich ist (Jesaja 9,5-6), sind Friedensstifter in besonderer Weise am Bau dieses Reiches auf der Erde beteiligt. Doch wie dieses Friedenstiften genau aussieht, erläutert Jesus hier nicht genauer.

Aus dem biblischen Kontext wissen wir jedoch, dass Menschen nicht in der Lage sind, den allumfassenden, göttlichen Frieden zu stiften. Jesus meint hier also irdischen Frieden, der jedoch eine Auswirkung des gottgegebenen Friedens, des Shaloms, ist. Dieser Friede soll Einzug in Familien, Dörfern und schließlich auch in die ganze Gesellschaft halten.

Das Y-Camp hat in besagter Augustwoche eine Saat des Friedens ausgesät. Über Landesgrenzen und Grenzen in unseren Köpfen hinweg. Der göttliche Shalom, der höher ist als alle unsere Vernunft, ist es wert, dass wir uns dafür einsetzen und stark machen. Dann werden wir nicht nur tragende Verbindungen herstellen, wie in der Woche geschehen, sondern auch wahres Glück finden.

Die Teilnehmenden haben in dieser Woche Frieden nicht nur als Abwesenheit von Krieg erlebt, sondern vor allem als eine fast magische Verbindung, die sich in Bootfahren, Fußballspielen, gemeinsamen Singen und offenen Herzen manifestierte.

Angela Merkel ist sich im Thema Integration sicher: „Wir schaffen das!“ und ich glaube sie hat Recht. Wenn wir den Mut haben, gemeinsam unsere Revolution zu tanzen.

Miriam Hartig, Ehrenamtliche im CVJM Bayern

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