Arbeit mit Geflüchteten – erlebt in Biederitz

In einem Newsletter berichtet der CVJM Sachsen-Anhalt aus der Arbeit mit Geflüchteten. Bestandteil dieses Newsletters ist immer auch ein Erlebnisbericht aus der Arbeit der Ortsvereine.

Das ist der Bericht aus der Flüchtlingshilfe im CVJM und dem Kirchspiel in Biederitz:

Am 9. April feierten Geflüchtete und freiwillige Helferinnen und Helfer gemeinsam in Biederitz

Am 9. April feierten Geflüchtete und freiwillige Helferinnen und Helfer gemeinsam in Biederitz

Am 28. Oktober 2015 gründeten wir das Netzwerk Flüchtlingshilfe Biederitz unter dem Dach des Kirchspiels Biederitz. Ein paar Tage zuvor gab es in der Mehrzweckhalle in Biederitz eine Bürgerversammlung, in der den Bürgern sehr kurzfristig die Ankunft von Flüchtlingen in der dafür umgebauten Feuerwehrschule Heyrothsberge mitgeteilt wurde.

Der Unmut von Vielen machte sich breit mit teils sehr heftigen Ängsten, aber auch offener Ablehnung. Es war erschreckend. Drei Tage später zogen die ersten Flüchtlinge ein, vorrangig Syrer und Afghanen. Beim CVJM‐Erntedankfest einen Tag zuvor hatten wir ein Willkommensplakat gemalt und unseren „Dönermann“ aus Biederitz, selbst Syrer, nach den syrischen Schriftzeichen dafür gefragt.

Die Flüchtlinge freuten sich sichtlich über die etwa 30 Personen, die sich vor der Unterkunft versammelten, um sie willkommen zu heißen und ein paar Geschenke für die Kinder abzugeben.

In den darauf folgenden Tagen und Wochen riefen immer wieder Menschen bei mir an, die helfen wollten und unser Pfarrer und ich organisierten sehr schnell eine einfache Struktur, welche die Menschen dort einbettete, wo sie ihre Möglichkeiten sahen: im Begegnungscafé, in der praktischen Hilfe, bei der Freizeitgruppe, in der Bastelgruppe für Kinder oder in der Gruppe, die den Flüchtlingen erstes Deutsch beibringen wollte.

Immer wieder kamen neue Helfer hinzu, so dass wir am Ende etwa 65 Helfer waren, die sich so einbrachten, wie ihre Zeit es erlaubte. Es war für mich immer wichtig, dies abzufragen, damit sich keiner überfordert fühlte. Wir sind alle miteinander über eine Nachrichtengruppe bei Google vernetzt und in Untergruppen konnten und können sich die einzelnen Mitarbeiter über die nächsten Aktionen und deren Planung informieren und austauschen sowie Bilder herumschicken, damit die anderen Gruppen an gewesenen Aktionen teilhaben können.

Das funktionierte und funktioniert auch heute noch sehr gut. So konnten wir schnell im Netzwerk Geld für eine Monatsfahrkarte besorgen, die ein Syrer brauchte, um täglich seinen kranken Bruder in der Uniklinik zu besuchen. Wir organisierten Fahrräder, Kinderwagen und alles, was gerade so gebraucht wurde. Dank der sehr schnellen Kommunikation und der klaren Struktur gab es keine Missverständnisse.

Mittlerweile gibt es das Netzwerk auch bei facebook. Das Netzwerk funktioniert auch deswegen so gut, weil viele sehr motiviert sind, zu helfen und sich durch das Helfen auch selbst bereichert fühlen. Diese hohe Motivation war sicher nicht zuletzt auch dem geschuldet, dass das Thema Flüchtlingshilfe im Herbst letzten Jahres seinen Höhepunkt in der Dringlichkeit erfuhr.

Es ist aber auch der Geist, der die Menschen inspiriert hat, sich uns anzuschließen. Es folgten unzählige Aktionen, Freizeiten, Begegnungscafés, bei denen die Flüchtlinge für einen Augenblick ihre Flucht und ihre Situation danach vergessen konnten. Die Flüchtlinge sind mit und ohne uns im Ort präsent gewesen und es blieb alles ruhig.

Niemand hat sich öffentlich gegen sie gerichtet, sie gehörten einfach mit zum Ortsbild dazu.

Gruppenbild des Teams vom Begegnungscafé

Gruppenbild der Gäste und Mitarbeitenden des Begegnungscafés

Am 9. April 2016 gab es dann ein spontanes Abschlussfest auf unserer Kantorwiese in Biederitz, da klar war, dass die Feuerwehschule als Unterkunft nicht mehr benötigt wurde. Es war ein großes und schönes Fest des Friedens mit über 120 Beteiligten und der Hoffnung, dass es allen gelingen möge, hier zu bleiben und neu Fuß zu fassen.

Am 10. Juni 2016 gab es einen offiziellen Abschluss, zu dem auch Vertreter des Willkommensbündnisses Ostelbien aus Magdeburg geladen waren, deren nahe Biederitz gelegenes Camp viele Monate nicht fertiggestellt war und erst jetzt die ersten Flüchtlinge in das neu gebaute Dorf im Herrenkrug umgezogen sind.

Herr Diederichs, Leiter der Landesaufnahmeeinrichtungen in Sachsen‐Anhalt und die Johanniter, aber auch die Vertreter des Ostelbienbündnisses waren sehr froh, direkt von den Erfahrungen der Helfer des Netzwerkes Flüchtlingshilfe Biederitz zu profitieren und erstaunt darüber, dass sich deren ungebremste Tatkraft gleich in einige
Aktionen für die Netzwerker dort, vor allem aber für die Flüchtlinge im Herrenkrug in Magdeburg mündeten.

Es sind viele sehr persönliche Kontakte zu Geflüchteten entstanden, die bis zum heutigen Tage und darüber hinaus das möglich machen, was nach der Anerkennung und dem Bleiberecht vielen Flüchtlingen fehlt: die Hilfe, hier Fuß zu fassen und sich im Paragraphendschungel und den Regelungen der Behörden und der öffentlichen Einrichtungen nicht zu verheddern und deswegen zu verzweifeln.

Eine Eins‐zu‐Eins‐Betreuung, wie man es sich für jeden Geflüchteten wünschen würde. Unser Netzwerk bleibt bestehen, viele sind untereinander auch Freunde geworden, die sich vorher nicht kannten. Es ist eine schöne Erfahrung, solch ein Netzwerk gegründet zu haben,  welches über die Ortsgrenzen hinaus bekannt wurde und Anerkennung erfahren hat.

Kerstin Kuehn, Sekretärin des Kirchspiels Biederitz und Mitglied im CVJM Biederitz e.V.

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