Weltbundgebetswoche: Dienstag

„Seine Schwester blieb in der Nähe stehen, um zu sehen, was mit ihm geschehen würde.
Die Tochter des Pharao kam herab, um im Nil zu baden. Ihre Dienerinnen gingen unterdessen am Nilufer auf und ab. Auf einmal sah sie im Schilf das Kästchen und ließ es durch ihre Magd holen. Als sie es öffnete und hineinsah, lag ein weinendes Kind darin. Sie bekam Mitleid mit ihm und sie sagte: Das ist ein Hebräerkind.
Da sagte seine Schwester zur Tochter des Pharao: Soll ich zu den Hebräerinnen gehen und dir eine Amme rufen, damit sie dir das Kind stillt? Die Tochter des Pharao antwortete ihr: Ja, geh! Das Mädchen ging und rief die Mutter des Knaben herbei.“

(2. Mose 2, 4-8)

Weltbundgebetswoche 2014

Weltbundgebetswoche 2014

Die Schwester von Mose – Bezeugen und Grenzen überschreiten

Die erste, die den öffentlichen Protest bemerkt, ist Moses Schwester, wieder ohne Namen und nur in ihrer Beziehung zu einem Mann genannt. Sie steht stellvertretend für alle Schwestern, die sich des Schicksals ihrer Geschwister bewusst sind. Sie beobachtet aus der Entfernung, was vor sich geht. Das Kind aus dem Wasser zu holen, würde die Situation nicht verändern. Würde sie in direkter Nähe der Arche gesehen, wäre sie einem hohen Risiko ausgesetzt. Sie kann also nicht dorthin gehen, aber sie tut alles, was in ihrer Macht steht. Für den Moment greift sie nicht direkt ein, ist nicht aktiv in ihrem Protest, aber ihre Rolle sollte nicht unterschätzt werden.

Sie steht dort und beobachtet. Dies ist ein besonderes und sehr selten benutztes Wort in der Bibel. Es bedeutet nicht nur „auf den Füßen stehen“ sondern auch „für etwas (ein-)stehen“, „standhaft sein“. Dieses Wort wird für das Volk Israel benutzt, als es am Roten Meer steht. Auf Gottes Befehl hin bleibt es standhaft an der Küste des Roten Meeres; und das Volk Israel sieht wie die gewaltige Macht Ägyptens zerstört wird. Was wird die Schwester sehen? Im Gegensatz zum Volk Israel hat sie keinen Befehl von Gott bekommen. Sie entscheidet selbst, dort standhaft zu sein und zu beobachten; sie ist wachsam und bereit zu sehen, was passieren wird – zum Guten oder zum Schlechten. Es ist möglich, dass sie zuschauen muss, wie das Kind getötet wird. Aber sie schaut nicht weg. Wer würde nicht wegsehen und damit vermeiden, so schreckliche Dinge zu beobachten? Dass andere lieber wegsehen, ist die Erfahrung so vieler Menschen, die Hilfe, Unterstützung und Solidarität nötig haben.

Die Schwester von Mose ergreift nicht vorschnell Hilfsmaßnahmen ohne Plan und näherer Untersuchung der Lage. Damit würde sie die Möglichkeiten, die die Situation auch eröffnet, möglicherweise zunichtemachen. Genau zu beobachten ist in einer gefährlichen Situation der erste Schritt zum Handeln. Unterdrückung zu erkennen, ist der erste Schritt zu einem Prozess der Befreiung. Um zu wissen, wie man handelt, muss man standhaft sein und darf nicht wegsehen. Uns überkommt oft das Gefühl der Hilflosigkeit, wenn wir mit übermächtiger Gewalt konfrontiert sind, mit Zerstörung, Missbrauch und Unterdrückung.

Und trotzdem gibt sie nicht gleich auf. Obwohl sie fürchtet, was sie vielleicht gleich mitansehen muss, läuft sie nicht weg. Sie ist realistisch in Bezug auf ihre Möglichkeiten – sie kann nur zusehen, was kommen wird. Sie bleibt standhaft, egal wie lange es nötig sein wird.

Ihre wichtige Rolle ist die, zu bezeugen, was vor sich geht. Welche Chance hätte sie, irgendetwas für das Kind zu tun? Trotzdem muss sie wenigstens Zeugin sein. Aber während dieser Zeugenschaft erkennt sie den „Kairos“, den richtigen Moment für sie zu handeln. Und wirklich: ihre Zeit zu Handeln wird kommen! Indem sie das Geschehen beobachtet bekommt sie den Einblick. Wenn man nur entlang der derzeitigen Regeln denkt, kommt man auf keine Lösung. Man muss darüber hinaus denken! Plötzlich sieht sie eine Chance.

Und was sie tut ist tapfer – sie spricht mit dem Feind. Sie überschreitet die Grenzen der Solidarität und überbrückt den Abstand zwischen den Töchtern, die wegen der Entscheidung des Pharaos Feinde sein müssen. Sie spricht die Tochter des Pharaos an. Sie redet mit ihr! Vielleicht wird sie eine feindliche Antwort erhalten, so wie es die Ideologie, Vorurteile oder einfach die Propaganda nahe legen. Aber vielleicht hat die Tochter des Pharao auch ihre eigenen Wertvorstellungen. Die Schwester eröffnet der Tochter „des feindlichen Anderen“ eine  Möglichkeit, selbst auf die Situation zu reagieren.

Die Schwester des Mose überschreitet die Grenze des „wir“ und „ihr“. Sie bietet eine neue und verändernde Solidarität an, die in diesem unterdrückerischen System nicht vorgesehen ist. Sie denkt völlig neu. Die Tochter des Pharao ist in all ihrer Macht auf die Hilfe einer Frau angewiesen, die ihre Feindin ist. Die Schwester überschreitet Grenzen, um Leben zu retten. Zweimal in ihrer Unterhaltung mit der Tochter des Pharaos sagt die Schwester von Mose „für dich“. Sogar in ihrer untergeordneten Position ist es ihr möglich, etwas für die mächtige Frau zu tun. Die Hilfe der Schwester ermöglicht es der Tochter des Pharaos, sich für die Annahme des Kindes als ihren Sohn zu entscheiden. Nachdem sie dies getan hat, wird die Schwester als „almah“, als junge Frau bezeichnet. Und am Ende bekommt sie Recht: Die andere junge Frau, die Tochter des Pharao, ist gleichfalls bereit, weiter zu sehen und eine neue Solidarität zu errichten.

Diese junge Frau bleibt standhaft! Zeugin zu sein und einer schrecklichen Situation nicht auszuweichen, gibt ihr die Chance, zu erkennen, was in ihrer Macht steht und wann der richtige Moment kommt, um einzugreifen. Sei standhaft und schau hin – das ist eine Botschaft für alle, die sich hilflos und ohnmächtig fühlen. Bleibt standhaft – dies ist eure Zeit!

Weltbundgebetswoche 2014

Weltbundgebetswoche 2014

Fragen zur Reflektion

  • Welche Situation in deinem Umfeld oder in der Welt ruft dich auf, standhaft zu sein und hin zu schauen?
  • Auf welche Weise greift dein CVJM in offensichtlich hoffnungslose Situationen ein?
  • Die Schwester von Mose steht entfernt und ist Zeugin der Geschehnisse. Denk über die Wichtigkeit nach, Zeuge zu sein für Dinge, die in der heutigen Zeit passieren.
  • Wie befähigt der CVJM heute junge Menschen, standhaft zu sein in Situationen, in denen die Menschenwürde verletzt wird?
  • Welche geistlichen Quellen unterstützen die Bereitschaft, den Anderen als Menschen anzunehmen?
  • Die Schwester von Mose spricht mit dem Feind. Wie können wir durch unserer Arbeit im CVJM dazu beitragen, gedankliche Grenzen zu überschreiten, um neue Lösungen für Probleme zu finden?

Gebet

Gott, öffne unsere Augen, damit wir die Wahrheit des Anderen sehen. Öffne unsere Augen und schenke uns die Kraft eines unvoreingenommenen Blicks auf das, was um uns vor sich geht. Öffne unsere Augen, damit wir den Menschen, die keine anderen Fürsprecher haben, als Zeugen dienen können. Öffne unsere Augen, damit wir die Begrenztheit der Grenzen sehen, die uns an kreativem Denken und Handeln hindern. Öffne unsere Augen, oh Gott, der du siehst  (1. Mose 16).

Dr. Ulrike Bachmann
(S. 13-15, Heft des Weltbundes zur Gebetswoche)

Gebetsanliegen

Wir beten für den CVJM-LV Schlesische Oberlausitz

  • Wir beten für die beiden Grundschulen für syrische Flüchtlingskinder in Gaziantep (Türkei), das Jugendzentrum und unsere Mitarbeiterin dort, Sabine Schnabowitz.
  • Wir beten für die Zigeuner in Nagygalambfalva (Siebenbürgen). Besonders für die Kinder und Jugendlichen, mit denen wir im Sommer zusammen waren.
  • Wir danken Gott für unsere Partnerschaft mit dem CVJM Niger.
  • Wir denken im Gebet an unsere Partnerschule in Ossetien (Kaukasus-Region).
  • Wir danken Jesus für die 9 tollen neuen Freiwilligen aus ganz Europa, die unsere Arbeit unterstützen.
  • Wir treten vor Gott ein für die Jugendlichen, die über unseren Freiwilligendienst irgendwo in Europa ein wichtiges Jahr ihres Lebens verbringen werden.
  • Wir beten für Lifegate in Beit Jala.
  • Wir denken an unsere Partner in Rumänien und ihren Dienst.

Wir beten für den YMCA Europe

  • Für den Frieden. Wir beten für Frieden in Europa und der ganzen Welt … und in unseren Herzen, damit wir mit unserem Zusammenleben das Königreich Gottes hier auf der Erde bezeugen.
  • Für die Gerechtigkeit. Damit die Ausgegrenzten und Benachteiligten einen Weg finden können, geistlich, geistig und körperlich zu wachsen und so ein leuchtendes Beispiel für andere werden.
  • Für die Gemeinschaft. Lasst uns zusammen den Weg im Licht des Herrn gehen.

Juan Simoes Iglesias, Generalsekretär YMCA Europe

Anregungen aus der Gebetsinitiative „Hörst du mich?“

Der Vorschlag für heute lautet: Auf die Plätze, fertig, beten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Newsletter abonnieren (Jederzeit wieder abbestellbar)