Albrecht Kaul: Sie kamen einen Tag zu spät

Der Mauerfall war ein Wunder, so viel steht für Albrecht Kaul fest. Den Grund lieferte er in seinem Vortrag „Wunderjahr 1989“, den der Zeitzeuge und spätere stellvertretende Generalsekretär des CVJM-Gesamtverbandes am frühen Abend in Kassel hielt. Zudem gab er den Zuhörern tiefe Einblicke in sein „früheres Leben“ – als Christ in der DDR.

Moderator Martin Scott (links) und Albrecht Kaul.

Moderator Martin Scott (links) und Albrecht Kaul.

Im kommenden Monat jährt sich der Mauerfall bereits zum 25. Mal. Im Rahmen dieses Jubiläums erinnert Albrecht Kaul an den „sozialistischen Alltag“, der von Demütigungen, Willkür, Propaganda, Bespitzelungen, Fluchtversuchen und eben jener Mauer geprägt ist. „Wir wussten immer, dass die Stasi da ist. Vertrauensvoll habe ich nur mit sehr wenigen Leuten gesprochen“, betonte Kaul.

Ein Leben als Christ sei zwar möglich gewesen, allerdings zu einem sehr hohen Preis. Der engagierte Kaul stand permanent unter Beobachtung, wurde gar wiederholt vernommen. „Sie nahmen mich mit, zur Klärung eines Sachverhaltes“, sagte er schmunzelnd, in Anspielung auf die obligatorische Stasi-Floskel, mit der die Verhören eingeleitet wurden. Doch was die federführenden Sozialisten Kaul auch vorwarfen – es sollte sich alles als haltlos erweisen.

So konnte der Staat auch Kauls prägendstes Ereignis nicht verhindern – seinen tiefen Entschluss zu einem Leben als Christ, den er auf einem Camp getroffen hat. Dafür schlug er kurz darauf in aller Härte zurück: Am Tag nach Kauls Bekenntnis durchsuchte die Polizei die Gruppe, die sie kurz darauf verbot. Statt des Gefühls der Unterdrückung sollte Kaul aber Erleichterung spüren: „Sie sind einen Tag zu spät gekommen. Mein Entschluss stand fest“, unterstrich er.

Die bahnbrechenden Entwicklungen im Jahr 1989 sorgten schließlich dafür, dass er seinen Glauben auch in aller Freiheit ausleben konnte. Der gebürtige Chemnitzer nutzte diesen Spielraum voll aus, rief noch vor der offiziellen Wiedervereinigung den ersten CVJM-Landesverband in den neuen Bundesländern ins Leben. Nur wenige Montage vorher wäre das undenkbar gewesen. „Es war ja verboten. Und selbst Anfang 1989 war überhaupt noch nicht  abzusehen, dass sich irgendetwas ändern würde“, sagte er.

Dass es sich doch änderte, hätten die neuen Bundesländer einem Wunder zu verdanken: „Bei den Montagsdemonstrationen standen Militär und Polizei schon bereit. Dass der Einsatzbefehl zurückgenommen und damit kein Blut vergossen wurde, sondern den Weg zur Wiedervereinigung ebnete, war ein Wunder.“

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