Gottes Bankensystem

Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen, und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.

(Lk 12, 48)

Roland Werners Impuls auf dem CVJM-Blog

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Diese Aussage von Jesus, in leicht veränderter Sprache, hört sich fast so an wie die Forderung aus einem Parteiprogramm. So könnte man sie auffassen: Die Reichen, also die, denen viel gegeben ist, müssen mehr zahlen als die anderen. Der Umkehrschluss legt sich dann auch nahe: Die, die wenig haben, müssen dann auch nur wenig abgeben. Hört sich irgendwie einleuchtend an. Je nach Besitzstand und nach Parteibuch wird man wohl dieser Aussage zustimmen oder sie ablehnen.
Aber: Wer legt eigentlich fest, ob das, was einer hat, viel oder wenig ist? Geht es da nach dem eigenen Gefühl oder nach dem Durchschnitt der direkten Umgebung? Oder geht es nach dem Weltmaßstab, nach dem wir hier in Deutschland fast alle zu den Reichen gehören, mit unserem Zugang zu frischem, sauberen Wasser und zu medizinischer Versorgung?

Wer jedoch genau hinhört auf das, was Jesus hier sagt, merkt, dass es nicht um ein allgemeines, abstraktes Prinzip geht, nach dem die politischen und sozialen Probleme in der Welt geregelt werden sollen. Vielmehr spricht er seine Nachfolger an, ganz direkt und persönlich. Ihnen will er ihre Verantwortung deutlich machen. Sie sollen erkennen, dass sie reich beschenkt sind, und dass daraus eine Verpflichtung erwächst.

Und war eine Verpflichtung zuerst gegenüber Gott. Er wird jeden von uns einmal fragen, was wir mit dem gemacht haben, was uns anvertraut wurde: Begabungen, Möglichkeiten, Zeit, Beziehungen, Freundschaften und vieles mehr. Vieles mehr? Na klar. Die ganzen materiellen Güter, die wir haben. Und noch mehr: Gottes Güte, Gottes Freundlichkeit, Gottes Liebe, seine Vergebung, seine Annahme, seine Kraft, sein Trost und Beistand.

„Das habe ich für dich getan! Was tust du für mich?“ Diese Worte standen dem knapp zwanzigjährigen Nikolaus Graf von Zinzendorf vor Augen, als er ein Bild des gekreuzigten Jesus in einer Düsseldorfer Ausstellung betrachtete. „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen…“ Das ist doch klar! Wer sucht denn? Zunächst Gott, aber dann auch die anderen, die Menschen, die uns anvertraut sind. Unsere Kinder und Kindeskinder. Ihre Frage an uns wird einmal sein: Was habt ihr gemacht mit dem, was ihr hattet?

Im Hintergrund dieser Aussage von Jesus, die uns vielleicht erschreckt, steht ein ähnlicher Satz, den er einmal im Haus eines Pharisäers sagte. Da war eine Frau von zwielichtigem Ruf. Sie war einfach eingedrungen in die Feier, hatte sich vor Jesus niedergeworfen, und hatte – gegen alle Etikette – seine Füße geküsst, mit ihren Tränen benetzt und zu allem Überfluss auch noch mit ihren Haaren getrocknet. „Wem viel vergeben ist, der liebt viel…“ Das hatte Jesus damals seinem Gastgeber, dem Pharisäer Simon, gesagt. Der hatte sich zwar korrekt verhalten, doch seine Handlungen entsprangen nicht aus der Liebe.

Das jedoch scheint Gottes Hauptwährung zu sein. Seine Liebe, die er ohne jede Vorbedingung in uns investiert. Und die er dann, wie ein guter Banker, mit Rendite wieder zurück haben möchte. Nicht für sich, sondern für die anderen Menschen. Ihnen sollen wir unsere Liebe schenken und somit Gottes Investition in uns vervielfältigen. Das ist nur auf den ersten Blick kompliziert. Auf den zweiten merken wir: Es gibt eigentlich nichts Genialeres im Finanzsektor als Gottes eigenes Banksystem. Und in dem ist die Hauptwährung Liebe. Oder, um es mit einem anderen biblischen Begriff zu sagen: Gnade. Gottes unverdiente Zuwendung und Freundlichkeit, mit der er uns beschenkt. Und von der er hofft, dass wir sie weiterschenken.

 

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