Das göttliche Muss

Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“

Joh 3,14b-15

Immer wieder begegnet es uns im Neuen Testament: Das kleine Wort „muss“. Genauer gesagt benutzt Jesus es immer wieder. So auch hier, im dritten Kapitel des Johannesevangeliums: „Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ Es ist ein Zitat aus dem nächtlichen Gespräch von Jesus mit dem vornehmen Religionsprofessor Nikodemus.

Der hatte ihn danach gefragt: „Was muss ein Mensch tun, um ewiges Leben zu haben?“ Diese Frage ist wesentlich. Was müssen wir tun, um Frieden mit Gott zu finden? Viele andere Fragen sind weniger wesentlich. Vieles, was wir für ein absolutes „Muss“ halten, ist im Licht der Ewigkeit völlig unwichtig oder nebensächlich.

Jesus beantwortet die Frage nach dem Muss, nach dem, was unbedingt sein muss, ganz anders als erwartet. Er spricht nicht von dem, was wir tun müssen, sondern von dem, was mit dem Menschensohn, dem Bevollmächtigten Gottes auf dieser Erde, geschehen muss. Mit diesem Titel, der aus dem Buch Daniel im Alten Testament stammt, bezeichnet er sich selbst. Er ist der Menschensohn, der erhöht werden muss.

Diese Erhöhung wird im Danielbuch, Kapitel 7, in der Sprache einer Herrscherkrönung beschrieben. Gott überträgt dem Menschensohn alle Macht und Gewalt über alle Nationen der Erde. Zur Rechten Gottes darf er Platz nehmen und mit regieren über diese Welt. Die Erhöhung des Menschensohns zum Weltenrichter, das ist die Aussage dieser gewaltigen Stelle.

Diese Erhöhung des Menschensohns kannte Nikodemus als Schriftgelehrter ohne Zweifel. Doch Jesus meint etwas anderes, wenn er von seiner Erhöhung spricht. Der Ort der Herrlichkeit ist für ihn nicht zuerst der Thron zur Rechten Gottes, sondern das Kreuz auf dem Schutthügel Golgatha. Dort muss er erhöht werden, gekreuzigt, als Ausgestoßener, als verkannter und verbannter König der Juden.

Das muss so geschehen. Denn erst dann kann und wird er die zweite Erhöhung erleben: Die Auferstehung und die Thronbesteigung zur Rechten Gottes, des Vaters. Das göttliche Muss ist das „Muss“ der Liebe. Das sagt Jesus gleich im Anschluss: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzig geborenen Sohn gab…“ (Joh 3, 16). Gott liebt diese Welt so sehr, dass er, der Freie, sich einem „Muss“ unterwirft. Undenkbar und doch wahr. Freiwillig nimmt Jesus das Kreuz auf sich, gibt seine Freiheit auf, und geht in den Tod, damit wir das ewige Leben finden.

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