Charismatische Bewegungen und der Protestantismus

zimmerling

Prof. Dr. Zimmerling beim Gastvortrag an der CVJM-Hochschule

Am Nachmittag des 5. April hatte die CVJM-Hochschule einen besonderen Gast: Prof. Dr. Peter Zimmerling, praktischer Theologe an der theologischen Fakultät der Universität Leipzig.

Das Thema seines sehr gut besuchten Vortrags war: „Charismatische Bewegungen und der Protestantismus – eine spannungsreiche Beziehung“.

Über dieses Thema hatte sich Zimmerling einst an der Universität Heidelberg habilitiert. Zimmerling schilderte zunächst die historische Entwicklung vom Aufbruch der Pfingstbewegung 1906 in Los Angeles bis hin zu den heutigen, teilweise schwer fassbaren Erscheinungsformen der Charismatischen Bewegung, die inzwischen den institutionellen Rahmen traditioneller Kirchen und Freikirchen weit übersteigt und sich zuweilen auch in unabhängigen Zentren und Gemeinden organisiert.

Zu den typischen Charakteristika zählen Lobpreisgottesdienste, der Entdeckung und Wertschätzung der biblischen Charismen und auch das persönlichen Zeugnis. Ein besonderer Schwerpunkt des Vortrags war die Hermeneutik der Charismatischen Bewegungen: Hier ist nach wie vor die Distanz zur akademischen Theologie und zur historisch-kritischen Methode deutlich wahrzunehmen.

Neben den reformatorischen Grundeinsichten (Unterscheidung von Gesetz und Evangelium, Christus als Mitte der Heiligen Schrift) gelten die Geisterfahrungen im Hier und Jetzt, das Gebet und die Meditation als unverzichtbare hermeneutische Schlüssel der Bibelauslegung. Hier gibt es nach Zimmerling viele hermeneutisch bedenkenswerte Aspekte, wenngleich auch auf eine wichtige kritische Punkte hinzuweisen ist: Das Wirken des Geistes Gottes darf nicht im Widerspruch stehen zur Bibel.

Und bei aller Betonung der Geisterfahrung im Hier und Jetzt dürfe die Dimension der Klage nicht zu kurz kommen, so Zimmerling: Hier sollten Christen es nicht der modernen säkularen Gesellschaft gleichtun, die beispielsweise in ihrem Perfektions- und Optimierungswahn den Tod als Störung weitestmöglich aus ihrem Bewußtsein zu drängen versuche. In der Gemeinde müsse auch Raum sein für Unerfülltes, für ausbleibende Wundererfahrung. Und entsprechend ist auch die Klage – das lehren die Psalmen –  Teil einer gelingenden Gottesbeziehung.

Von großer Bedeutung aber bleibt die Entdeckung und Wertschätzung der Charismen: Gerade in ihren höchst individuellen Ausprägungen stehen sie – gerade auch vor dem Hintergrund der derzeitigen Pluralismusdebatte – für eine erstaunliche Vielseitigkeit mit vielen Partizipations- und Beteiligungsmöglichkeiten.

Prof. Dr. Wilhelm Eppler

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