YMCA Morso, Ghana – Kondolenzgabe für einen Chief

Nach dem Besuch des YMCA Sierra Leone, berichtet Eckard M. Geisler, Bundessekretär für Weltdienst und internationale Beziehungen des CVJM-Westbunds, nun von seinen Erlebnissen aus Ghana:

Der YMCA Morso

Der YMCA Morso

Bei meinem aktuellen Besuch im YMCA in Ghana, Westafrika, wollte ich auch das kleine Dorf Morso in der Ashanti-Region besuchen. Es sind die Vorbereitungen für die Studienreise „Ghana Kompakt“ des CVJM-Westbundes, die die Reisegruppe über Ostern auch zu diesem YMCA führen wird.

Noch am Tag vor meiner Abreise schrieb ich eine E-Mail an Nana Morso Hene, den Chief von Morso (traditionelle Herrscher), in der ich meinen Kurzbesuch beim YMCA in seinem Dorf für Dienstag ankündigte. Doch es ist fraglich, ob er meine E-Mail je gelesen hat, denn am Tag nach meiner Ankunft erfuhr ich von seinem plötzlichen Tod. Bei einem Besuch im Palast des Königs der Ashanti in Kumasi sei er zusammengebrochen und vier Stunden später im Krankenhaus gestorben. Dieser Tod hat auch seine Auswirkungen auf den YMCA im Dorf, denn er war Patron des Vereins.

Heute nun war mein Besuch in Morso. Und da war dann der „Palast“ (Rathaus) des verstorbenen Chiefs auch gleich die erste Station im Ort. Zusammen mit den bereits wartenden Mitgliedern des Ortsvereins begaben wir uns zu einem Kondolenzbesuch dorthin. Das entspricht den hiesigen Gepflogenheiten. Dort wurden wir bereits von den anderen Chiefs des Dorfes (Gemeinderatsmitglieder) erwartet. Wer zu einem solchen oder anderen Anlass in den Palast kommt, bringt ein „Gastgeschenk“ mit. Dieses besteht in der Regel aus Flaschen, gefüllt mit Genever, hier genannt „Schnaps“. Die erforderliche Anzahl wird im Vorfeld definiert. Wir brachten zwei. Nicht, dass diese von den Anwesenden dann auch gleich konsumiert werden. Sie dienen nämlich später irgendwann als traditionelle „Zugangsgeschenke“ für die nächst höheren Ebenen der traditionellen Gemeinwesenhierarchie…

Der verwaiste Sessel des Chiefs

Der verwaiste Sessel des Chiefs

Wir wurden in den Versammlungsraum geführt, der reichhaltig barock ausgestattet ist. Ein Chief muss schließlich repräsentieren! Auf diesem „Thronsessel“ hätte er uns normalerweise empfangen. Jetzt, da er nicht mehr am Leben ist, bleibt der Sitz leer. Zuerst kommen die traditionellen Begrüßungsrunden, erst grüßen wir mit Handschlag der Reihe nach von rechts nach links die anwesenden trauernden Würdenträger des Ortes und Familienmitglieder, dann setzen wir uns, worauf dann unsere Gastgeber ihre Begrüßungsrunde bei uns machen. Erst jetzt können wir als YMCA-Gruppe durch den Vorsitzenden des Vereins kondolieren. Von einem früheren Besuch hatte ich Bilder für den Chief dabei. Es war für die örtlichen Würdenträger schon sehr bewegend, diese Bilder zu diesem Anlass so unerwartet zu erhalten und anzuschauen, zeigten sie doch ihr Dorfoberhaupt bei einem früheren Empfang.

Nach dem Kondolenzbesuch geht es zum üblichen Treffpunkt des Vereins im Innenhof eines privaten Gebäudes. Klar, dass der Gastgeber selber auch YMCA-Mitglied ist. Auffällig ist, dass die gelben T-Shirts die Mitgliedschaft im Verein signalisieren. In der ghanaischen Gemeinschaftskultur ist es wichtig, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe durch gleiche Kleidung zu dokumentieren.

Die gelben T-Shirts zeigen: "Wir gehören zusammen!"

Die gelben T-Shirts zeigen: „Wir gehören zusammen!“

In der Ashanti-Region ist der YMCA Morso der wohl zurzeit bestorganisierte Verein. Das haben sie ihrem eloquenten Vorsitzenden zu verdanken, der selber auch Chief ist und dem „Gemeinderat“ angehört.

Da der Morso Hene Patron des Ortsvereins war, wird dem YMCA bei den Trauerfeierlichkeiten sicher eine besondere Rolle zukommen. Doch bis dahin wird noch einige Zeit vergehen. Beerdigungen sind bei den Ashanti die höchsten Familienfeste, die gut geplant werden wollen. Stirbt jedoch ein Chief, dann zieht das weite Kreise, denn alle umliegenden Ortschaften haben mit ihren traditionellen Herrschern dabei ihre Aufgaben, Kondolenzbesuche werden erwartet und Geschenke gebracht. Da kann es schon mal einige Monate dauern, bis die Finanzierung für eine solche Feier steht und sich alle Seiten darauf vorbereitet haben. So geht auch die Bitte an die beiden CVJM im Westbund, die mit dem YMCA Morso verbunden sind, ihrem Partnerverein bei der YMCA-Kondolenzgabe zur Seite zu stehen.

Eckard M. Geisler, Bundessekretär für Weltdienst und internationale Beziehungen, CVJM-Westbund

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