Ein Nachwort für Fritz Pawelzik

Fritz Pawelzik – der legendäre Geschichtenerzähler des CVJM ist am 29. Januar 2015 im Alter von 87 Jahren verstorben. In einem Nachwort erinnert sich sein Weggefährte Günther Haas, ehemaliger Weltdienst-Referent des CVJM-Gesamtverbandes, an die beeindruckende Persönlichkeit.

Fritz Pawelzik bei einem seiner Vorträge in Seelow.

Fritz Pawelzik bei einem seiner Vorträge in Seelow.

Ghana

Als 1959 ein Bruderschaftssekretär für Lateinamerika gesucht wurde, kam Fritz Pawelzik ins Gespräch. Dort ging es um ein Ausbildungsprogramm und eine Begleitung örtlicher Vereine in ganz Südamerika. Dafür wurde dann Siegfried Wagner ausgewählt. Fritz Pawelzik sollte in Ghana mit dem Aufbau der CVJM-Arbeit beginnen. Südamerika und auch Afrika waren für den deutschen CVJM unbekannte Kontinente. An Mission Interessierte waren mit den Kontinenten eher vertraut durch die Berichte der Missionare, das traf besonders für Afrika und hier noch einmal besonders durch die Basler Mission in Ghana zu.

Fritz ging also in ein völlig unbekanntes Gebiet. Sein großes Verdienst ist, dass er durch seine farbigen Erzählungen in seinen Büchern, Kurzgeschichten und in seinen Vorträgen in Deutschland uns das Land und die Kultur der Menschen erschloss und uns die Menschen in ihrer Besonderheit nahe brachte. Fritz hat sich so sehr mit den Menschen identifiziert, dass selbst das, was er farbig schilderte, für uns manchmal doch fremd blieb. Er war uns gegenüber manchmal ungeduldig, weil er meinte, wir müssten uns schneller auf die schwarzen Brüder einstellen und ihnen helfen. Seine Liebe haben die Ashantis gespürt und ihn dann später zu ihrem Häuptling gemacht.

USA – George Williams College

Dann kam eine für ihn wertvolle Phase der Weiterbildung. Er brachte eine solide Ausbildung durch die CVJM-Sekretär-Schule in Kassel mit und praktische Erfahrungen durch seine Arbeit in Deutschland und in Ghana. Jetzt bekam er 1966 als erster deutscher CVJM-Sekretär die Chance, eine Fortbildung am George Williams College in Chicago zu absolvieren. Das Programm sollte deutschen Sekretären den Horizont weiten und sie befähigen, eine internationale Perspektive zu bekommen. Das Stipendium war möglich geworden durch den Siegener Industriellen Wilhelm Jung, der im CVJM-Westbund und auch im CVJM-Gesamtverband engagiert war und die finanziellen Grundstock legte für das Stipendium in USA. Eine entscheidende Rolle spielte dabei der deutschstämmige, amerikanische Sekretär Bob Miller, der nach dem Krieg durch die Aktion ‚Building for brotherhood‘ im amerikanischen YMCA zum Aufbau der Gebäude vieler CVJM-Häuser in Deutschland beitrug.

Fritz hat sich am YMCA-College richtig reingekniet und tiefe Spuren hinterlassen, die die nachfolgen Absolventen nicht annähernd erreichen konnten. Er machte in einem Jahr den Master in Social Sience. Sein Name hatte auch 1971, als ich selbst einer der Absolventen war, einen sehr positiven Klang. Es waren etwa 12 Sekretäre aus dem deutschen CVJM, die von diesem Programm profitierten. Allen hat dieses Studienjahr gut getan und die Augen geöffnet für neue wissenschaftliche Erkenntnisse, aber auch für einen weltweiten YMCA in aller Vielfalt.

Es gab damals etwa 50 internationale Studenten am George Williams College, gegenüber etwa 1.500 amerikanischen Studenten. Die internationalen Studenten kamen vorwiegend aus sogenannten Entwicklungsländern, die gerade anfingen, ihre Selbstbestimmung zu erreichen und ihre YMCAs aufzubauen.

Ostafrika  Nairobi

Fritz Pawelzik in Nairobi.

Fritz Pawelzik in Nairobi.

Nach dem Studienjahr in USA begann eine neue Phase für Fritz. Der YMCA-Weltbund hatte Interesse an ihm, denn für Afrika musste unbedingt etwas getan werden zu ihrem Aufbau und zur Ausbildung von Sekretären, die meistens als Lehrer in die Arbeit berufen wurden. So wurde ein erstes Programm für Ostafrika entwickelt; für die drei Länder Uganda, Kenia und Tansania. Fritz entwarf das Programm, man gab ihm den Namen Leadership Development Programme. Das war die Phase eins, der noch zwei und drei folgten. Die Finanzierung erfolgte durch die ‚Evangelische Zentralstelle für Entwicklungshilfe‘ in Bonn, durch den weltweiten YMCA und auch durch die Mitfinanzierung des CVJM-Westbundes. Viele Gespräche mussten in Bonn geführt werden, bis das Millionenprogramm für drei Jahre stand.

Fritz konnte von Nairobi aus mit dem Programm beginnen. Er reiste in die Länder, entwarf mit den einheimische YMCAs Programme für alle Leitungsstrukturen, meistens aber für Sekretäre. Er verbrachte immer längere Zeit zu Seminaren in den Nachbarländern Uganda oder Tansania. Das heißt auch, dass er immer lange Zeit von der Familie in Nairobi getrennt war. Die Kommunikation war noch nicht so leicht wie heute, Handys und E-Mails gab es noch nicht. In seinen Rundbriefen wird davon etwas deutlich.

In der Sprache von Fritz hört sich das bei einem Trainingsprogramm für Sekretäre in Uganda folgendermaßen an: „…Ich wasche meine Wäsche unter dem Gemeinschaftshahn und schütte mir ein paar Eimer Wasser über den Gänsehautkörper. Um acht muss ich in unserer Klasse sein. Zwei Monate lang, sieben Unterrichtsstunden am Tag, werden unsere neuen Sekretäre für den Uganda YMCA ausgebildet. Wir sind dauernd zusammen. Unser Lernkollektiv hat sich mittlerweile zu einer Großfamilie entwickelt. Mit gemeinsamer Zeiteinteilung und Portemonnaie. So eine Großfamilie in Afrika ist interessant, aber auch anstrengend – wegen des Essens und der weiten Familienprobleme.“

„…Ich muss mal wieder zu Hause in Kenia anrufen. Das dauert, aber dann ist endlich Karin, meine Frau, am Apparat. Der Wagen springt nicht an, muss jeden Morgen angeschoben werden. Janne will nicht zum Kindergarten gehen , weil Mrs. Bruce nicht da ist. Tina will unbedingt eine verflohte Katze haben, drängt sich ans Telefon, heult fast hinein. Sya hat Krach mit einer Mary in der Klasse. Ich frage, was das für eine ist. Bin interessiert, ob sie englisch, kenianisch oder indisch ist. „Ach was, so Syas Antwort, die Mary ist vom Tisch nebenan!“ Karin ist wieder am Apparat. Briefe warten auf mich und ein paar Probleme. Einige Sache hat sie mir abgenommen. Die waren schwierig. Seufzer ins Telefon: „ Zwei Monate sind zu lang und alles liegt auf meiner Schulter.“ Was soll ich sagen? Janne ist wieder am Telefon, will mir erzählen, dass er einen Riesenschimpansen aus dem Sandkasten verscheucht hat. Karin lacht schon wieder. Ich auch.“

YMCA World Alliance – Genf

Dem LDP 1 (so nannten wir es) folgte LDP 2 ausgedehnt auf ganz Afrika und Phase drei dann als weltweites Schulungsprogramm. Seine Reisen gingen in dieser Phase rund um die Welt. Ich glaube, dass es kaum einen der 125 YMCA in der Welt gab, den Fritz nicht besucht hat. Die Kosten der Programme stiegen immens. Es wurde immer schwieriger, die Finanzierung sicherzustellen. Ich hatte damals schon den Eindruck, dass Fritz sich im YMCA Weltbund in Genf nicht wohl gefühlt hat. Da gab es zu viel Verwaltung und Präsentation, das ihm nicht lag. Wie es seiner Familie ging, weiß ich nicht. Denkt man an die zahllosen Umzüge, die sie zu verkraften hatten, kann man sich nur wundern. Fritz hat seine Kinder immer bewundert und gesagt: „Die wachsen wirklich international heran, das sind Global Citizens.“

CVJM-Westbund – Wuppertal

Es war etwa 1978, als der YMCA-Weltbund beschloss, das Programm zu beenden. Fritz kam nach Deutschland zurück und übernahm die Verantwortung für die Weltdienst-Arbeit des CVJM-Westbundes. Dabei betonte Fritz aus seiner Erfahrung in Afrika, dass es darauf ankommt, mit unseren Brüdern eine Partnerschaft aufzubauen, sie selbst entscheiden zu lassen und möglichst viele Menschen hier und dort miteinander zu verbinden.

Der Partnerbereich des CVJM-Westbundes war von Anfang an Ghana, später kam in Westafrika Sierra Leone dazu. Er entwickelte eine Form der Zusammenarbeit, die es bis zu diesem Zeitpunkt nirgendwo im deutschen CVJM gab: die Vereins-Partnerschaften. Das zündete in vielen Vereinen im CVJM-Westbundes und löst eine wahre Begeisterung aus. CVJM hier übernahmen eine Partnerschaft mit YMCAs in Ghana und später dasselbe in Sierra Leone.

Die Vereine selbst entschieden, welche Programm finanziert werden sollten, darunter waren Kindergärten, Landwirtschaftliche Projekte, Schulen, Finanzierung von Gehältern und vor allem berufliche Bildung. Da war oft weder der Nationalverband in Ghana beteiligt, noch der CVJM-Westbund, und schon gar nicht der CVJM-Gesamtverband. Uns beschlich die Angst, dass uns da etwas aus dem Ruder läuft, das wir nicht mehr steuern können. Für Fritz aber war wichtig, dass die Kontakte neues Leben in den Weltdienst bringen, dass nicht nur einige wenige das Privileg haben, in die Partnerländer zu reisen. Was er uns in seinen Briefen mitteilte, ließ uns direkt und hautnah miterleben, was Leben und Glauben in Afrika bedeutet, wie die Menschen beten, wie leben und sterben, welche Hoffnung sie haben.

Die Vereins-Partnerschaften haben sich inzwischen weiterentwickelt. Heute kann man sagen, dass sie eine starke Belebung in die internationale Arbeit gebracht haben. Was im CVJM-Westbund diese Partnerschaften sind, ist in der AG der CVJM der Einsatz von Volontären in Peru, Togo und anderswo. Das schafft Leben. Das verschafft jungen Mitarbeitern die Chance, ‚weltwärts’ zu schauen und für ihr Leben wesentliche neue Erkenntnisse zu gewinnen und eine Weltverantwortung einzuüben.

Unserem Fritz sei Dank gesagt, er hat dem deutschen CVJM einen wichtige Dienst erwiesen, hat uns die Augen geöffnet für die Menschen in Afrika, ihre Kulturen und ihren Glauben. Er ist nicht müde geworden, uns zu motivieren, mit unseren Brüdern und Schwestern zu teilen. Er war genau zur rechten Zeit am rechten Platz. Das können wir auch getrost Dienstanweisung Gottes nennen. Das war auch sein eigenes Verständnis von seiner Arbeit. Deshalb gilt zuerst einen tiefen Dank unserem Gott, der aus dem Kleinen eines menschlichen Mühens etwas Großes gemacht hat zu seiner Ehre.

Wer sich über Fritz und seine Arbeit in Afrika informieren möchte, dem seien die beiden Bücher ‚Über Grenzen hinaus‘ und eine kleinere Zusammenfassung ‚Die Welt mit anderen Augen sehen‘ empfohlen. Beide Bücher sind 2007 im CVJM-Gesamtverband erschienen.

Autor: Günther Haas

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  1. Gechwister, ich habe gerade 2 Bücher von Fritz P. gelesen und das hat mich sehr gepackt und ich liebe seinen Schreib Stil. Wie kann ich die beiden
    Bücher bekommen und bei Ihnen bestellen, die Sie nannten?

    „Über Grenzen hinaus“ und
    „Sie Welt mit anderen Augen sehen“

    Edda Pötz
    Falltorstr. 1 B,
    35614 Aßlar

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