„Ich träume von einer Hochschule, in der Glaube Wurzeln schlägt“

Interview mit dem neuen Rektor der CVJM-Hochschule,
Prof. Dr. Rüdiger Gebhardt

Der erste Tag im CVJM begann für den neuen Rektor Prof. Dr. Rüdiger Gebhardt mit der gemeinsamen Klausurtagung der Referentinnen und Referenten des CVJM-Gesamtverbandes sowie der Dozierenden des CVJM-Kollegs und Professorinnen und Professoren der CVJM-Hochschule. Eine gute Gelegenheit für ein erstes persönliches Kennenlernen, aber auch für Einsichten in die theologische Forschung des neuen Rektors. In seinem Impulsreferat „beziehungweise heil – Die Mitte der reformatorischen Theologie und ihre Bedeutung für heute“ gab er sowohl Einblick in Hintergründe der Reformation als auch Ausblick auf das, was Reformation für den CVJM heute bedeuten kann. Im Gespräch am Rande der Klausurtagung erläutert Gebhardt seine Hintergründe, Pläne und Wünsche für die CVJM-Hochschule.

Im Inter­view mit Prof. Dr. Rüdi­ger Gebhardt

Im Inter­view: Prof. Dr. Rüdi­ger Gebhardt

Maren Kockskämper: Du beginnst heute deinen Dienst als Rektor der CVJM-Hochschule und warst ja vorher schon in  einer leitenden Funktion in einer Bildungseinrichtung tätig. Also betrittst du nicht komplett Neuland, oder?

Rüdiger Gebhardt: Das stimmt, nicht ganz neu ist der Bildungsauftrag, aber ziemlich neu die Zielgruppe. Ich bin in den letzten vier Jahren im Bereich der Pfarrer-Fortbildung tätig gewesen. Das heißt ich hab es fast ausschließlich mit Pfarrerinnen und Pfarrern zu tun gehabt, darunter viele Kolleginnen und Kollegen, die schon länger im Dienst sind. Jetzt werde ich vorrangig mit ganz jungen Leuten zu tun haben. Aber ich freu mich darauf sehr.

Was hat dich denn an die CVJM-Hochschule gelockt?

Hingelockt hat mich zunächst mal ein Brief vom Prorektor Klaus Schulz, der mich im letzten Sommer erreicht hat. In dem stand, dass sie auf der Suche nach einem neuen Rektor auf meinen Namen gestoßen seien und ob ich mir nicht vorstellen könne, zu einem Sondierungsgespräch zu kommen. Das war für mich eine Überraschung, nachdem ich erst vier Jahre in Pullach gewesen bin und ich hab gedacht, ich kann ja mal hinfahren und gucken, was mich da erwarten würde. Doch dieses Gespräch war direkt sehr intensiv. Es stellte sich heraus, dass es eine breite Übereinstimmung gibt zwischen den Themen, die der Hochschule wichtig sind und den Erwartungen an einen künftigen Rektor mit dem, was ich so mitbringe und mir wichtig ist. Von da an wurde es dann sehr schnell konkret, zu überlegen, dass die Stelle etwas sein könnte für mich. Und dann öffneten sich auf einmal ganz viele Türen und alle Signale zeigten auf einmal grün.

Welche konkreten Anforderungen und Erwartungen wurden da an dich herangetragen?

Ich habe gemerkt, dass an der CVJM-Hochschule jemand gewünscht ist, der Brücken bauen, Balancen halten und auf schmalen Graden gehen möchte. Das liegt mir.  Beispielsweise die Balance zwischen wissenschaftlicher Theologie und gelebtem Glauben. Das ist mir ganz wichtig und da hatte ich den Eindruck, genau das wird von der Leitung der CVJM-Hochschule gesucht.  Das ist auch im Leitbild verankert. Es kommen andere Balancen hinzu, zum Beispiel die zwischen missionarischer Jugendarbeit und Kirche. Das sind auch beides Bereiche, in denen ich mich in meinen vergangenen Tätigkeiten bewegt habe. Und ich habe das Gefühl, dass an der CVJM-Hochschule all das an biografischen Fäden zusammenläuft, was mich bisher geprägt hat. Das hat mich dann letztlich gelockt.

Du hast dich ja auch im CVJM engagiert. Inwiefern kommt dir das nun zugute?

Ich bin seitdem ich 10 Jahre alt bin Mitglied im CVJM Kassel. Dort habe ich eigentlich alles durchlaufen, was man als junger Mensch durchlaufen kann, beispielsweise Jungschar, Sport, Mitarbeiterschulungen. Diese habe ich später auch mitgeleitet und war auch im Vorstand des CVJM Kassel. Über die AG der CVJM bin ich dann in die überregionale Arbeit des CVJM eingestiegen und war im Ausschuss der AG einige Jahre tätig. Von daher verbinde ich viel mit dem CVJM und es ist mir bis heute ein sehr wichtiges Anliegen, den CVJM zu unterstützen. Dass das jetzt mit dem, was mir danach wichtig geworden ist, zusammenkommt, freut mich sehr. An manche Beziehung kann ich sogar  direkt wieder anknüpfen. Und es ist ein gewisses  Gespür dafür vorhanden, was den CVJM ausmacht.

Was macht denn aus deiner Sicht den CVJM aus? Worin liegen seine Stärken?

Für mich ist die größte Stärke des CVJM, dass dort etwas zusammenkommt, was ich in vielen anderen Werken auseinanderlaufen sehe, nämlich inhaltliche Klarheit mit einer großen Weite. Das erscheint mir als etwas ganz Typisches. Ich erlebe es an verschiedenen Stellen, dass man inhaltlich klar ist, aber dass das in eine Enge und Abgrenzung führt. An anderen Stellen finde ich es schade, dass es eine große Weite und Pluralität gibt, aber keine Mitte mehr erkennbar ist. Und ich habe es immer für „typisch CVJM“ gehalten und geschätzt, dass hier beides zusammenkommt. Dass wir im CVJM eine klare Mitte haben, die ja mit der Pariser Basis klar benennbar ist. Gleichzeitig schätze ich die ganz große Weite und Nähe zu den Menschen und ihren Geschichten und Offenheit für ganz unterschiedliche Menschen. Das beides so zusammenzubringen finde ich toll am CVJM und ich denke, dass ist auch für die Hochschule ganz wichtig.

Die CVJM-Hochschule ist ja eine internationale Hochschule. Hast du in dem Bereich auch schon Erfahrungen sammeln dürfen?

Meine internationalen Erfahrungen sind begrenzt, so wie man ja immer in jede Aufgabe Gaben und Grenzen einbringt. Natürlich hatten wir ja auch in den bisherigen Aufgabenfeldern internationale Gäste und diese und jene Begegnung. Jedoch konnte ich da bislang keinen Schwerpunkt setzen. Aber ich hab mich ja auch beworben, um hinzuzulernen und meinen Horizont zu erweitern und gehe hier mit großer Offenheit und Interesse heran. Ich freu mich darauf, internationale Kontakte zu knüpfen und diesen Bereich für mich zu entdecken und zu stärken.

Da gibt es sicher viel zu entdecken. Der CVJM ist ja ein Riesennetzwerk in dem du dich künftig bewegst. Die CVJM-Hochschule steht derzeit vor einigen Herausforderungen, sei es räumlicher, finanzieller oder organisatorischer Natur. Wenn du mal träumen dürftest, wie stellst du dir die CVJM-Hochschule in zehn Jahren vor?

Ich träume von einem schönen Hochschulgebäude, das genau auf unsere Belange zugeschnitten ist: In der Mitte sehe  ich eine einladende Kapelle, in der Lehrende und Lernende zusammenkommen, um Gott zu loben. Von da aus gehen sie in die Seminarräume, um darum zu ringen, wie wir diesen Gott verstehen und Menschen von heute nahe bringen können. Und dabei geht es natürlich auch darum, diese Menschen und ihre Notlagen möglichst zu verstehen und nach Wegen zu suchen, ihnen zu helfen.

Vor allem träume ich aber von einer Hochschule,  an der Glaube Wurzeln schlagen kann.

Denn es ist zu befürchten, dass den Absolventen ein straffer Wind ins Gesicht blasen wird, was Verkündigung und christliche Jugendarbeit angeht. Das wird nicht mehr so selbstverständlich sein,  wie es in der Vergangenheit war. Mir wäre es ein Anliegen, dass sie zum einen im wissenschaftlichen Bereich so gut wie möglich qualifiziert werden und zum anderen die Hochschule als Schutzraum erleben, in dem Glaube durch Fragen und intensives Nachdenken in die Tiefe wachsen kann. Einen Baum mit tiefen Wurzeln bläst so leicht nichts um!

Aber damit diese Träume keine Luftnummern bleiben, muss ich jetzt vor allem genau hinschauen: auf Studierende und Mitarbeitende, auf Zahlen und Fakten, auf Mögliches und Realistisches und immer auf den nächsten Schritt.

Deine Aufgabe wird ja dementsprechend einen hohen organisatorischen Aufwand beinhalten. Wirst du denn als Rektor der Hochschule auch unterrichten?

Ja, geplant ist, dass sich Lehre und Leitung je zur Hälfte ergänzen. Ich habe entsprechend das halbe Lehrdeputat, das an einer Fachhochschule üblich ist.  Und das ist ein Bereich, auf den ich mich auch sehr freue. Der Bereich Lehre ist sowas wie ein Heimspiel für mich. Aber eine Hochschule zu leiten, das ist nochmal ne ganz andere Nummer! Da muss ich reinwachsen. Zum Glück bin ich Teil eines Teams, das mich dabei von Anfang an sehr unterstützt.

Und wirst du auch forschen?

Klar, das gehört zu einer Hochschule dazu, dass die Lehre aus der Forschung lebt. Für mich ist aber auch hier erstmal dran,  zu schauen, was das ist und wo Bedarf besteht. In unserer Klausur in diesen Tagen haben wir in den Dozenten- und Professorenkreis jemanden eingeladen, der uns hilft zusammenzuführen, was schon in  da ist und zu gucken, wo es gemeinsam hingeht. Auf diesen Prozess bin ich sehr gespannt. Dieser Bereich ist ja auch für die Akkreditierung von großer Bedeutung. Eine Hochschule muss  forschen, und dafür muss es Freiräume geben. Das sind alles Herausforderungen, die auf mich und uns zukommen.

Du ziehst nun von München nach Kassel. Weil du ja nicht nach einer neuen Aufgabe gesucht hast, war es für deine Familie, wie für dich sicher überraschend. Wie stehen deine Frau und Kinder dazu?

Da hat es eine Entwicklung gegeben. Die Reaktionen waren am Anfang zunächst  unterschiedlich begeistert. Unsere beiden Mädchen konnten sich das von Anfang an sehr gut vorstellen, da sie auch noch viele Kontakte nach Kassel haben, da wir vor München hier gewohnt haben. Zudem empfinden sie die bayerische Schule schwieriger als die hessische, von daher war der Wechsel in diese Richtung innerfamiliär leichter zu verkaufen als anders herum. (lacht) Meine Frau hat in ihrer Ausbildung eine Nahtstelle erreicht. Sie ist eigentlich Hebamme von Beruf und hat auf dem zweiten Bildungsweg Grundschullehramt studiert und da gerade das Studium abgeschlossen und möchte in Hessen mit dem Referendariat beginnen. Für sie war es also auch in Ordnung, und nachdem wir dann hier auch noch ein schönes Zuhause gefunden haben, ist die Motivation in der Familie auch noch mal gestiegen. Jetzt steht dem gemeinsamen Neuanfang nichts mehr im Weg!

Dann wünschen wir euch ein gutes Einleben. Ich freue mich, dass du da bist und wünsche dir weiterhin einen gesegneten Start.

 

Kurzvita
Prof. Dr. Rüdiger Gebhardt wurde 1968 in Hofgeismar geboren, wuchs in Kassel auf und absolvierte in Marburg und Tübingen sein Theologiestudium. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Nach seinem Vikariat promovierte er in Heidelberg in Systematischer Theologie und absolvierte daneben ein Zweitstudium der Psychologie. Im Anschluss war er für neun Jahre Gemeindepfarrer in Fuldabrück-Bergshausen bei Kassel und arbeitete dort Hand in Hand mit dem örtlichen CVJM. Daneben lehrte Gebhardt Systematische Theologie an der Universität Kassel. In den letzten vier Jahren bildete Prof. Dr. Rüdiger Gebhardt als Studienleiter am Theologischen Studienseminar der Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) in Pullach Pfarrerinnen und Pfarrer sowie kirchliches Leitungspersonal fort. Seit Februar 2014 ist er Rektor der Internationalen CVJM-Hochschule in Kassel.

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